Jun 30, 2012

A = Z #2; Areal — Eine Schrift, eine Fläche

Schriftstudie

Technisches Begleitheft zu Konzept, technischen Kriterien und Konstruktionsprinzip der Schriftstudie Areal.
Eine Schrift zu gestalten, in der jedes Zeichen aus der selben, gleich großen Fläche besteht, braucht weitere gestalterische Rahmenbedingungen, um die Gestaltung nicht in Beliebigkeit ausarten zu lassen. Dazu müssen Regeln geschaffen werden, die eine Abwägung zwischen technischen Möglichkeiten und gestalterischer Zulässigkeit darstellen. Es geht mit anderen Worten darum, einen Spielraum für Variantenbildung zu schaffen, der in der Lage ist, die Grundidee der Flächengleichheit einer Schrift sowohl zu tragen, als auch den für eine Schrift nötigen visuellen Zusammenhalt zu erzeugen.


1. Ziele und Ansätze des Projektes

1.1 Über diese Schrift

1.2 Voruntersuchungen und gestalterisches Konzept
1.2.1 Ergebnisse der Voruntersuchung

1.3 Technische Parameter

2. Die Anatomie der Areal

2.1 Buchstaben mit geringen Anpassungsschwierigkeiten
2.2 Systematik beim B, D und R
2.3 Schlaufen als Mittel zum Flächenzuwachs
2.4 Systematik beim E, F und P
2.5 Die zwei Sonderfälle
2.6 Geringe Vergrößerungsoptionen
2.7 Drastische Verkleinerungen

3. Kurzübersichten

3.1 Systematik der Umlaute
3.2 Zahlen – starre Zeichen
3.3 Interpunktionszeichen


1. Ziele und Ansätze des Projektes

1.1 Über diese Schrift

Areal, das (-s, -e): 1. Fläche; Flächeninhalt, -raum — 2. Siedlungsgebiet; Verbreitungsgebiet einer Tier- od. einer Pflanzengattung [lat]
— Fremdwörterbuch, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1964

Die Areal ist eine monolineare Monospace-Konzeptschrift, in der jedes Zeichen nicht nur die bei Monospace-Schriften einheitliche Dickte hat, sondern darüber hinaus auch dieselbe Fläche aufweist. Die Fläche meint dabei das Schwarz eines jeden Buchstabens.
Selbstverständlich bricht diese Herangehensweise mit allen, dem klassischen Schriftentwurf zugrundeliegenden Methoden. So ist dieses Projekt auch vielmehr ein Experiment, das Antworten auf einige Fragen sucht:
1. Wie groß ist Schrift tatsächlich?
Man kann zwar die Größe bestimmter Formen oder Flächen einschätzen, hat jedoch eine Form ein gewisses Maß an Komplexität erreicht, so fällt es schwer, dessen Größe ins Verhältnis zu setzen.
2. Ist es überhaupt möglich eine halbwegs funktionierende (*1) Schrift mit derart eingeschränkten Kriterien zu entwerfen?
3. Wie sollte dabei konzeptuell und technisch am sinnvollsten vorgegangen werden? Welche Parameter werden definiert?
4. Aus der reinen Überlegung heraus ist allein ein M schon zwei- bis dreimal so groß wie ein I. Wie löst man derartige Größenunterschiede? Wie strapazierfähig ist Schrift?
5. Wie kann diese Schrift aussehen?

Dieses Heft enthält die entworfene Schrift. Es setzt sich mit der Anatomie der einzelnen Zeichen auseinander, veranschaulicht dessen Zusammensetzung und geht auf die Probleme und Lösungen ein, die im Entwurf verarbeitet wurden. Somit gibt es vor allem eine Antwort darauf, welche Auswirkungen das Kriterium des einheitlichen Flächeninhaltes auf bestimmte Typen haben kann.
Die Zeichen der Areal sind im Heft aus systematischen Gründen in verschiedene Kategorien unterteilt. So sind Buchstaben mit ähnlichen Problemfällen zusammengefasst. Daraus ergeben sich teilweise Verwandtschaften, die mit den typographisch üblichen nichts zu tun haben.

(*1) In typographischer Hinsicht meint funktionierend die formale Systematik, mit der Buchstaben aufeinander Bezug nehmen. Eine als zusammengehörig erkennbare Schrift besitzt stets Elemente, die in den einzelnen Buchstaben entweder wiederholt auftreten bzw. Merkmale, die stilistisch so aufeinander abgestimmt sind, dass die Schrift einen einheitlichen Charakter bekommt.


1.2 Voruntersuchungen und gestalterisches Konzept

Um sich zunächst ein Gefühl zu verschaffen, wie groß Schrift tatsächlich ist, fand im Vorfeld der Entwurfsarbeit eine Analyse statt. In ihr sollte geklärt werden, welche einzelnen Flächeninhalte die jeweiligen Zeichen besitzen und wie sehr diese Werte auseinandergehen. Für diese Untersuchung brauchte es eine Basis-Schrift, mit geeigneten Eigenschaften. Ein grundlegendes Kriterium war es, einen weitgehend als neutral empfundenen Zeichensatz mit möglichst wenigen Auffälligkeiten zu finden. Diesem sollte ein einfaches Gestaltungsprinzip zugrunde liegen, das konsequent auf alle Buchstaben angewandt ist. Da nämlich im Abschluss der Voruntersuchungen ein Mittelwert aus allen errechneten Flächen gebildet werden musste, hätten besonders asymmetrisch entworfene, bzw. humanistische Schriften das Ergebnis womöglich verzerrt. Entsprechend mussten auch alle Strichstärken weitestgehend gleich ausfallen, eine Eigenschaft die nur gegeben ist, wenn auch alle Rundungen aus proportionalen Kreisen bestehen. Die Strichstärke sollte ebenso ausreichend dick sein. Es war bereits theoretisch absehbar, dass diese für den Neuentwurf in jedem Fall reduziert werden musste. Bei einer zu dünnen Schriftstärke hätte diese Reduktion insgesamt zu Problemen führen können.
Die Wahl fiel schließlich auf die vom schweizer Schriftgestalter Mika Mischler entworfene T-Star Pro Headline (Schrifthaus Binnenland). Diese Schrift vereint weitgehend alle für die Untersuchung als relevant ausgemachten Kriterien.
Das analytische Vorgehen brachte es mit sich, dass der Entwurf auch in den Gestaltungskriterien einen Bezug zur T-Star nehmen musste. Andernfalls hätte die Voruntersuchung konzeptionell nur wenig Sinn ergeben. Vor der eigentlichen Entwurfsphase standen also bereits zwei gestalterische Anforderungen fest: Die Areal sollte im Wesentlichen ebenfalls eine einheitliche Strichstärke besitzen. Eine feste Versalhöhe war für jedes Zeichen verbindlich. Sie sollte der Versalhöhe der T-Star entsprechen. Ausgenommen hiervon waren Interpunktionszeichen und optische Anpassungen.
Das Kriterium der einheitlichen Strichstärke schloss von vornherein aus, dass die Realisierung des Vorhabens über den Schriftschnitt (Thin, Regular, Medium, Bold u.a.) erfolgte. Die festgelegte Versalhöhe war ebenfalls notwendig, da sie die Beliebigkeit in der Gestaltung unterband. Unabhängig davon wäre das Schriftbild ohne diese Kriterien sehr konfus und unausgeglichen gewesen.
Die Areal ist eine Headline-Schrift. Als diese verfügt sie, wie die T-Star Pro Headline, über keine Minuskeln. Innerhalb des beschriebenen Konzeptes wäre es auch falsch gewesen, Minuskeln in die Analyse mit einzubeziehen. Dessen x-Höhe beträgt in der Regel nur 60–70% der Versalhöhe. Hinzu kommen Unter- und Oberlängen. Das macht die Bildung eines brauchbaren Mittelwertes nahezu hinfällig. Dennoch bedient sich die Areal in wenigen Ausnahmen der Anmutung von Kleinbuchstaben. Dieser Kompromiss war in drei Fällen nötig und ist an entsprechender Stelle beschrieben.
Um den gestalterischen Ansatz auf die Spitze zu treiben, besitzt die Areal eine einheitliche Dickte. Diese ursprünglich technisch begründete Eigenschaft von Schriften, sollte in diesem Falle die Laufweiten der einzelnen Zeichen limitieren und die Entwurfsarbeit zusätzlich erschweren.
In den Flächen-Mittelwert einbezogen wurden letztlich nur die 26 Großbuchstaben der T-Star. Der Grund dafür liegt in der Häufigkeit ihres Vorkommens. Der Mittelwert sollte nicht von Zeichen beeinflusst werden, die in der Anwendungsbreite eine untergeordnete Rolle spielen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_T-Star

Die T-Star Pro Headline ist als Analyseschrift geeignet, weil sie ein klares Erscheinungsbild besitzt, das weitgehend auf denselben, für den Entwurf relevanten Gestaltungselementen beruht. Strichstärken sind nahezu einheitlich und breit genug für Verknappungen. In den Flächen-Mittelwert mit einbezogen wurden lediglich die 26 Versalbuchstaben ohne Umlaute.

1.2.1 Ergebnisse der Voruntersuchung

Aufgelistet sind die Flächeninhalte aller 26 Großbuchstaben der T-Star Pro Headline, ohne Umlaute, bei 300 Pt Schriftgröße. Aus diesen Werten wurde die exakte mathematische Mitte errechnet. Größter Buchstabe ist das W, kleinster das I. Das U kommt dem Mittelwert am nächsten.

Fläche pro Buchstabe in cm²/300Pt:

A (22,06), B (25,94), C (18,37), D (23,89), E (22,25), F (18,16), G (22,91), H (23,44), I (10,37), J (16,91), K (21,98), L (14,36), M (29,60), N (26,87), O (22,55), P (20,17), Q (24,62), R (24,63), S (20,73), T (14,93), U (21,77), V (19,55), W (33,86), X (21,00), Y (16,45), Z (19,01)

Ø = 21,4 cm²/300Pt


1.3 Technische Parameter

Die Entwurfsarbeit an der Areal verlief zunächst über ein hochaufgelöstes Raster. Deshalb erfolgte die Analyse der T-Star Pro Headline in großer 300Pt Schriftgröße. Dadurch konnte das Raster feingliedriger werden, was der Genauigkeit zugute kam. Der Mittelwert von 21,4cm² bei 300Pt Schriftgröße wurde in Pixel übersetzt. Ein Quadratmillimeter entsprach dabei genau einem Pixel. Bei diesem Maßstab haben 21,4cm² (46mm × 46mm) genau 2116 Pixel. Um die nötige Anzahl von Pixeln, die jeder Buchstabe weder über-, noch unterschreiten durfte (±1%) zu überprüfen, wurden die ersten Entwürfe zur Areal in einer pixelbasierten Software gezeichnet. Hier ging es methodisch darum, ein Gefühl für die Fläche, angewandt auf ausgewählte Zeichen, zu bekommen. Im Fokus standen zunächst alle Buchstaben, die in der Analyse wesentlich über oder unter dem Mittelwert lagen. Es stellte sich dabei sehr schnell heraus, wo es spezifische oder generelle Probleme gab. Hier bahnte sich bereits an, dass eine der zentralsten Aufgaben die Eindämmung der Laufweiten würde.
Die Prototypen wurden schließlich in ein vektorbasiertes Programm übertragen. Sie dienten dort als Vorlage um gestalterische Lösungen zu entwickeln und die Schrift letztlich reinzuzeichnen. Ihre Flächeninhalte wurden durch die in der Voranalyse verwendete Berechnung der Polygone, exakt überprüft.

StudioPalissa_Protokoll_AZ03_Areal-Zeichensatz

Die Abbildung umfasst den gesamten Zeichensatz der Areal.


2. Die Anatomie der Areal

2.1 Buchstaben mit geringen Anpassungsschwierigkeiten

Die Buchstaben A, H, K, S und X wiesen während der Voruntersuchung nur sehr kleine Unterschiede zum gebildeten Mittelwert auf. Lediglich die Analyse des H ergab eine nötige Schrumpfung um 8,5%. Die Gruppe war für die weitere Gestaltung des Zeichensatzes äußerst entscheidend, weil mit ihr wesentliche Gestaltungsmerkmale abgewogen wurden. Bei der Auseinandersetzung mit diesen Buchstaben konnte der Grad der einheitlichen Strichstärke (10mm/300Pt) festgelegt werden. Der Wert von 10mm war auch deshalb geeignet, als dass er sich durch zwei teilen ließ. So konnte die Arbeit mit Zahlenwerten im Koordinatensystem zumeist übersichtlich bleiben. Dieser Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Auch das Gestaltungselement der (Slab-)Serifen wurde beim Experimentieren mit diesen Buchstaben festgelegt. Da nämlich die Strichstärke im Vergleich zur Analyseschrift deutlich verringert werden musste, bedurfte es einer Methode, die Buchstaben aufeinander abzustimmen. Serifen erwiesen sich hierfür als geeignet, da sie sich auf fast alle Buchstaben anwenden lassen und durch eine Variation ihrer Breite bereits sehr deutliche Auswirkungen auf den Raum eines Buchstabens haben — vor allem, wenn sie im Falle der Areal dieselbe Stärke aufweisen wie alle anderen Striche.
Zusammenfassen lässt sich die Arbeit an den Buchstaben A, H, K, S und X folgendermaßen: Auch wenn diese Zeichen in der Voruntersuchung sehr nah am Flächen-Mittelwert lagen, so verkleinerten sie sich zwangsweise durch die geringere Strichstärke unter Beibehaltung der Versalhöhe und moderater Laufweite.
Die Serifen waren es, die im letzten Schritt (nachdem die Basis feststand) zur exakten Anpassung der Flächeninhalte genutzt wurden.
Trotz dieser beschriebenen Umformung wirken die Buchstaben der Gruppe vergleichsweise am unauffälligsten. Grund hierfür ist, dass alle Anpassungen innerhalb eines Spielraums stattfinden konnten, der im Rahmen typographischer Konventionen liegt. Vereinfacht ausgedrückt wurde im Gestaltungsprozess eine serifenlose Linear-Antiqua in eine serifenbetonte Schrift (Egyptienne) umgewandelt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_A

Die Flächenumverteilung im A erfolgte durch zwei kräftige Fuß-, sowie eine ausgeprägte Kopfserife, die zusammen bereits 39,0 % der Gesamtfläche des Buchstabens betragen. Durch den Querstrich mit 17,4 % Fläche ist die Flächenaufteilung sehr ausgeglichen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_H

Durch die hohe Anzahl von vier Serifen, mussten diese auf eine Mindestgröße (5 mm / 300 Pt Überstand am Stamm) reduziert werden. Trotz der Verknappung beanspruchen alle Serifen im Buchstaben immer noch eine Gesamtfläche von 37,2 %. Das äußert sich letztlich in der Länge des Querstrichs und damit in der knappen Laufweite.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_K

Wie das H besitzt auch das K vier Serifen. Durch den nicht zwingend erforderlichen Querstrich zwischen Stamm und Diagonalen bietet es allerdings mehr Raum für Modulationen. Trotzdem wurde der vom H inspirierte Querstrich lediglich reduziert und nicht gänzlich verworfen. Die sonst flacher abfallenden Diagonalen hätten zu große Serifen erfordert und auch die Punzen wären zur Mitte zu spitz geworden. Dies hätte der Gesamtanmutung widersprochen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_S

Das S ist in dieser Gruppe der Exot. Es verfügt als einziger Buchstabe über Kurven. Dadurch wirkt es – und das ist dem S auch in den meisten anderen Schriften zu eigen – dynamischer. Die langen vertikalen Serifen können durch ihre vertikale Ausrichtung die sonst zu große Laufweite kompensieren.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_X

Das Verhältnis vom oberen und unteren Teil des X ist wie bei den Diagonalen im K asymmetrisch. Durch den fehlenden Querstrich besitzt es im mittleren Bereich weniger Fläche als das H oder K. Dafür fallen die Diagonalen flacher ab und sind entsprechend länger. Die Überstände der Serifen mussten den Diagonalen angepasst werden und sind größer, so dass der fehlende Querstrich nicht ins Gewicht fällt.


2.2 Systematik beim B, D und R

In der klassischen Schriftgestaltung sind die Buchstaben B, D und R artverwandt, Besonders sichtbar ist die Verwandtschaft bei den serifenlosen Großbuchstaben. Eigentlich fällt auch das P noch unter diese Gruppe. Da für die Areal allerdings eine andere Lösung gefunden werden musste, ist dieser Buchstabe an späterer Stelle erklärt.
Alle drei Buchstaben, B, D und R, eint der Stamm und die von ihm abgehenden Bögen. Das B besitzt als einziger Buchstabe zwei dieser Bögen, einen oberen und unteren. Ein großer Bogen, der sich über die gesamte Versalhöhe erstreckt, ist charakteristisch für das D. Das R hat wie das B einen oberen Bogen. Dieser fällt im Gegensatz zum B in der Regel größer aus. Von ihm geht das sog. Bein ab. B und R sind, ähnlich den Buchstaben der vorangegangenen Gruppe, formal recht komplex aufgebaut. Das D ist dadurch, dass es im mittleren Bereich weder Taille (wie beim B) noch Querstrich besitzt, zwar übersichtlicher konstruiert, doch bietet es durch seine geschlossene Form wenig Ansatzpunkte für variierende Elemente, die dem Raumgewinn zuträglich wären. Die Laufweite des D fällt verglichen zu seinen direkt verwandten Buchstaben sehr weit aus, kann allerdings optisch nur durch minimale Eingriffe ausgeglichen werden.
Genau gegensätzlich verhält es sich beim B. Formal könnte genau dieser Buchstabe eine erhöhte Laufweite sehr gut vertragen. Diese war jedoch nicht zu realisieren. Der Grund dafür liegt im vom Taillen-Bereich erforderten Raum. Es lässt sich festhalten, dass die Eigenschaften, die Formen eines Buchstaben komplexer machen, letztlich auch dafür verantwortlich sind, dass sich dessen Fläche erhöht.
Gut nachvollziehbar wird das beim R, das sozusagen eine Mitte zwischen B und D darstellt. Dieses scheint den Kompromiss am ehesten zu verkraften. Schaut man sich die Ausgangsanalyse an, liegt dessen erforderliche Verkleinerung deutlich unter der des B. Was sich in der Analyse abzeichnete, wird an dieser Stelle in der Umsetzung deutlich.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_B

Dadurch, dass das B im Gegensatz zum R auch einen unteren Bogen besitzt, wird an dieser Stelle mehr Fläche benötigt. Daher ist die Laufweite beim B auch die kürzeste aller drei Buchstaben. Die Länge der Ausgleichsserifen entspricht der des R.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_D

Das D läuft genauso weit wie das R. Problematisch ist, dass die Form des D einfacher ist. Würde man also die Ausgleichsserifen am D genauso kurz herausragen lassen, wäre der Eindruck eines sehr weit laufenden Buchstabens verstärkt (Die Binnenfläche wäre dann zu groß). Deshalb wurde der Stamm beim D nach innen gesetzt. Der obere Kreisradius im Bogen ist größer als der untere. Diese optische Anpassung verringert die Klobigkeit des Buchstabens.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_R

Die Schwierigkeit stellt hier das Bein dar. So braucht dessen Diagonale deutlich mehr Fläche als eine Gerade. Aus formalen Gründen konnte allerdings nicht darauf verzichtet werden. Der Abschluss braucht einen gewissen Platz, um auszulaufen und nicht abgehackt zu wirken. Allerdings durfte dieser Auslauf die Laufweite des Buchstabens nicht zu sehr erhöhen.


2.3 Schlaufen als Mittel zum Flächenzuwachs

Für einige Buchstaben musste beim Entwurf der Areal eine andere Lösung gefunden werden, Raum hinzuzugewinnen. Der bei den vorangegangen Gruppen beschriebene Weg, eine Vergrößerung der Fläche durch eine Erhöhung der Laufweite zu erzielen, hätte in dieser Gruppe in ein teilweise nicht mehr akzeptables Maß geführt. Auch die Variation der Serifengrößen erwies sich nicht immer als durchführbar. Diese wären im Gesamtkontext zumeist überdimensioniert gewesen (U, V, Y). Das C oder G ließ rein formal schlichtweg keine Serifen zu, die ansatzweise zu einer Lösung beigetragen hätten. Es bedurfte also eines Eingriffes in die grundlegenden Formen der Buchstaben, ohne die Prinzipien der einheitlichen Versalhöhe, Dickte und Strichstärke aufzugeben. Weiterhin sollte sich die Art des Eingriffs kategorisch auf möglichst viele Buchstaben mit denselben Problemen anwenden lassen. Hätte jeder Buchstabe eine individuelle Lösungsmethode erhalten, wäre ein chaotisches und nicht mehr konsistentes Schriftbild entstanden. Dieses ließ sich zwar ohnehin nicht gänzlich vermeiden, sollte aber auch nicht unnötig verstärkt werden.
Durch die sog. Schlaufen können bestimmte Bereiche eines Buchstabens deutlich an Fläche hinzugewinnen. Sie ermöglichen, den Buchstaben weitestgehend normal zu konstruieren und an einer zumutbaren Stelle einen effektiven Raumzuwachs zu erzielen. Somit sind die Schlaufen der Areal hintergründig kein Schmückungsmerkmal, sondern eine vom Konzept erforderte Gestaltungsmethode.
Die Schlaufen sind neben den Punkten (Interpunktion) womöglich das auffälligste Merkmal der Areal. Dies ist dadurch verstärkt, dass auch die Schlaufen aus derselben Strichstärke wie der restliche Teil aller Buchstaben bestehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die entstehenden Punzen auch eine gewisse Größe annehmen mussten. Andernfalls stünden diese in einem Missverhältnis zu anderen Innenräumen der restlichen Buchstaben. Entsprechend wurde ein allgemeiner Schlaufen-Innenradius von 8mm/300Pt festgelegt. Die Endstriche der Schlaufen schließen meist horizontal (parallel zur Grundlinie) oder vertikal (senkrecht zur Grundlinie) ab. Diese Eigenschaft ist wichtig, um Irritationen zu vermeiden — insbesondere dann, wenn Schlaufen anderer Buchstaben nebeneinander stehen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_C

Bereits die Ausgangsanalyse zeigte, dass das C deutlich vergrößert werden musste. Seine Form hätte an den Endstrichen allerhöchstens Ausgleichsserifen zugelassen. Der damit erzielte Flächengewinn wäre nicht ausreichend. Eine weitere Erhöhung der Laufweite wäre wegen der enormen Punzengröße nicht tragbar gewesen. Auch die Endstriche brauchen einen gewissen Abstand zueinander, um das C nicht geschlossen wirken zu lassen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_G

Das G hätte zwar laut Voruntersuchung sogar leicht verkleinert werden müssen, ist allerdings durch die verringerte Strichstärke der Areal schließlich ein Buchstabe, der einen gewissen Flächenzuwachs brauchte. Zwar sind die Ansatzpunkte hierfür etwas vielfältiger als beim C, auch diese hätten eine hohe Laufweite jedoch vermeiden können. Die Schlaufe wurde beim G anstelle des Querstriches platziert.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_O
StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_Q

Die Schlaufen im O und Q stellen vor allem im Q ein geeignetes Mittel dar, einen Übergang zum Schweif zu schaffen und gleichzeitig Fläche hinzuzufügen. Beide Buchstaben liefern durch ihre geschlossenen Grundformen keine Ansatzpunkte für etwaige Serifen. Somit hätte die Vergrößerung sonst nur über eine erhöhte Laufweite erfolgen können. Beim O ist die Positionierung der Schlaufe aus der Handschrift inspiriert

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_U

Ähnlich wie beim G ist das U der T-Star ein Buchstabe, der dem Flächen-Mittelwert ziemlich nahe kommt, sich dann aber durch die verringerte Strichstärke ebenfalls verkleinerte. Auch hier bedurfte es einer Schlaufe, da sowohl beide möglichen Serifen, als auch die Laufweite zu groß geworden wären.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_V

Die Entscheidung, das V mit einer Schlaufe zu versehen, ist eng an die Lösung beim Y geknüpft. So hätte man hier mit einer kräftigen unteren, sowie zwei ausgeprägten oberen Serifen die fehlende Fläche unproplematisch ausgleichen können. Durch die Verwandtschaft beider Buchstaben erfolgte dennoch die Platzierung einer Schlaufe.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_Y

Beim Y war die Schlaufe zwingend erforderlich. Bereits die Voranalyse zeigte einen nötigen Flächenzugewinn von 30,4 %. Dadurch, dass beide Diagonalen im Gegensatz zum V etwas unterhalb der Mitte auf den Stamm treffen, fehlt an dieser Stelle ungefähr die Hälte der Fläche. Ausgeglichen wurde auch durch eine stark ausgeprägte untere Serife. Die obere Serife ist ebenfalls vergleichsweise groß.


2.4 Systematik beim E, F und P

Bei der Gestaltung des E, F und P zeigt sich sehr deutlich, wie drastisch die Flächenanteile verändert werden mussten. Besonders E und F ergeben sich in der konventionellen Schriftgestaltung oft baukastenartig auseinander. So fehlt dem F lediglich der untere Arm des E. Dieses Herangehen war bei der Areal allein theoretisch nicht realisierbar. Ein bloßes Wegnehmen einer Komponente musste an einer anderen Stelle ausgeglichen werden. So wurde das E in diesem Fall von vornherein deutlich kleiner konzipiert als das F oder P. Trotzdem sollte die Ähnlichkeit noch offensichtlich sein. Es brauchte also ein Merkmal, das sich beim F und P hinzufügen ließ, ohne gravierenden Eingriff in dessen Ähnlichkeit zum E zu nehmen. Daher kam eine Schlaufe von vornherein nicht in Betracht. Auch der Stamm beider Buchstaben hätte mit den vorhandenen Mitteln nicht gewünscht modifiziert werden können. So fiel die Entscheidung, an die obere Ausgleichsserife, die sowohl beim F und P vorhanden war, einen Viertelkreis mit Innenradius einer Schlaufe (8mm/300Pt) anzufügen. Dies erwies sich darüber hinaus auch als geeignetes Mittel, um das optische Ungleichgewicht, vor allem erzeugt durch den nicht vorhandenen unteren Arm des F, wiederherzustellen. Die Folge ist allerdings eine erhöhte Laufweite, insbesondere beim P.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_E

Um eine visuelle Brücke zum F und P zu schlagen, wurde der Endstrich des oberen Arms des E mit demselben Viertelkreis (beim F und P anstelle der oberen Ausgleichsserife) versehen. Dieser spart gleichzeitig wichtigen Platz um beispielsweise den Abschluss des unteren Arm verstärken verstärken zu können. Beide Ausgleichsserifen sind beim E auf ein Minimum von 5 mm / 300 Pt verkürzt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_F

Das F hat dieselbe kräftige untere Serife wie das P. Der untere Arm ist deutlich länger als der mittlere Arm beim E. Im oberen Bereich ähnelt das F dem unteren Arm vom E sehr deutlich, besitzt allerdings einen Viertelkreis anstelle der hinteren Ausgleichsserife.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_P

Der Bogen des P ist wie beim D leicht asymmetrisch. Hier ist allerdings das Größenverhältnis umgekehrt. So hat der obere Viertelkreis einen Innenradius von 20 mm / 300 Pt, der untere Innenradius beträgt 26 mm / 300 Pt. Im Bereich der Ausgleichsserife ist das P um 1 mm /  300 Pt länger als das F.


2.5 Die zwei Sonderfälle

Die Buchstaben i und j sind sicherlich die kuriosesten im gesamten Alphabet der Areal. Ihr Zustandekommen ist allerdings schnell nachvollzogen. Bereits die Analyse zeigte, dass insbesondere das I drastisch wachsen musste. Ermittelt wurden ganze 107% nötiger Zuwachs. Praktisch erhöhte sich dieser Wert durch die verminderte Strichstärke noch weiter. Beim J fiel dieser Zuwachs mit 26,9% deutlich geringer aus. Ursprünglich war allerdings nicht vorgesehen, beiden Buchstaben eine gleiche, derart auffällige Systematik zu geben. Dies zeichnete sich erst ab, als alle gestalterischen Möglichkeiten mit dem Versalbuchstaben I erschöpft waren. Weder zwei extrem vergrößerte Serifen, noch eine Schlaufe konnten hier Abhilfe verschaffen. Alle Varianten überschritten die Grenze zur Lesbarkeit.
Der Kompromiss war schließlich, ein Minuskel-i in Versalhöhe zu zeichnen. Diese Variante bricht zwar deutlich mit den restlichen Buchstaben, schafft allerdings durch den riesigen i-Punkt (dieser nimmt allein 42,8% der Buchstabenfläche ein) eine Verbindung zu den Satzzeichen. Sicherlich wäre es möglich gewesen, das J in einer Versalvariante umzusetzen. Allerdings wäre das i damit völlig außenstehend und hätte überhaupt keinerlei Verwandtschaft. So bot es sich an, diese beiden Buchstaben nach gleichen Prinzipien als ein Paar zu entwerfen. Dies machte letztlich auch insofern Sinn, als dass kein Entwurf eines Versal-J überzeugen konnte.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_i

Unterhalb des auffälligen Punktes besitzt das i zwei gleich groß ausladende Serifen. Das Zeichen ist in diesem Bereich ganze 9 mm / 300 Pt breiter, als es hoch ist. Die Versalhöhe schließt, wie beim j, etwas höher ab, als bei den üblichen Buchstaben der Areal.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_j

Der Punkt und auch der untere Teil des j sind nahezu identisch proportioniert wie beim i. Allerdings ist das j durch seine untere Rundung an der Grundlinie optisch ausgeglichen. Durch den im Vergleich zum oberen weiter nach links ausschwingenden unteren Endstrich sitzt der Punkt nicht in der rechnerischen Mitte des Buchstabens.


2.6 Geringe Vergrößerungsoptionen

Beide Buchstaben dieser Kategorie mussten deutlich vergrößert werden. Was sich bereits in der Analyse abzeichnete, wurde letztlich in den ersten Gestaltungsversuchen bestätigt. Erschwerend kam hinzu, dass wie schon beim I und J wenig Spielraum für den nötigen Flächenzuwachs bestand. Sowohl das L als auch das T bestehen aus sehr einfachen Grundformen, die eine Vergrößerung mit subtilen Mitteln nicht zulassen. Auch eine Bezugnahme auf die Minuskelvarianten dieser Buchstaben hätte die Situation eher verkompliziert.
Letztlich bekam das T eine äußerst prägnante untere Serife. Diese fällt hier noch größer aus als beim F, P oder Y. Allerdings fehlten trotz dieser Gestaltungsentscheidung noch ca. 15–20% an Fläche. Um diese zu realisieren, musste der obere Querstrich modifiziert werden. Die Kurven gehen in zwei senkrechte, auffällig lange Striche über. Beim L war die Umsetzung noch schwieriger. Die jetzige Variante bedient sich der Methode der Schlaufe. Ähnlich wie beim O ist sie hier nicht nur effektives Mittel zum Raumgewinn, sondern erzeugt gleichzeitig eine der Handschriften entlehnte Anmutung. Diese Maßnahme hat den Vorteil, dass die untere Ausgleichsserife durch einen recht großen Viertelkreis (Innenradius von 12mm/300Pt) ersetzt werden konnte, um den Eindruck weiter zu verstärken. Der senkrecht weit nach oben gezogenen rechte Abschluss des unteren Arms, konnte die noch fehlende Fläche ergänzen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_L

Das L ist einer der auffälligsten Buchstaben der Areal. Hier wurde nicht nur formal ein Hybrid aus Druck- und Schreibschrift erzeugt, sondern auch der Kompromiss einer sehr hohen Laufweite eingegangen. der rechte Abschluss des unteren Armes bewegt sich durch seine Höhe an der Grenze zur Lesbarkeit dieses Buchstabens.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_T

Die wuchtige untere Serife des T konnte durch die Viertelkreise am oberen Querstrich optisch etwas abgemindert werden. Es fügt sich dadurch etwas besser in den Gesamtkontext der Areal ein. Da durch den Einsatz der Viertelkreise (statt einer einfachen eckigen Form) allerdings etwas Fläche gespart wurde, mussten die anschließenden Endstriche deutlich länger gezeichnet werden.


2.7 Drastische Verkleinerungen

Bereits in den Vorüberlegungen zur Umsetzbarkeit des Projektes, spielten die augenscheinlich größten Buchstaben eine Rolle. Es schien bereits ohne Analyse sehr deutlich, dass vor allem das W ein sehr großer Buchstabe ist. Von Schriftgestaltern werden die mittleren Diagonalen des W oft bis auf Versalhöhe gezeichnet. Auch beim M ist es keine Seltenheit, die Diagonalen bis zur Grundlinie zu ziehen (auch wenn es in der Analyseschrift anders ausfällt). Daher bringen beide Buchstaben, bezogen auf das Konzept der einheitlichen Flächeninhalte, ähnliche Probleme mit sich; nicht zuletzt, da sie stilistisch (gerade in den Grotesk-Varianten) eng miteinander verwandt sind. Es musste daher nicht nur eine Lösung gefunden werden, um beide Buchstaben entsprechend zu verkleinern. Darüber hinaus sollten diese Buchstaben auch zusammen funktionieren. Der Ansatz war hier, die mittleren Diagonalen zu verkürzen (M), bzw. diese durch eine andere Form-Variante zu ersetzen (W).
Das N erwies sich im Gestaltungsprozess als sehr spröde. Problem war hier die mittlere Diagonale, die beide Stämme miteinander verbindet. Wäre auf diese Diagonale nicht verzichtet worden, müsste der Buchstabe extrem eng laufen und auch auf seine im Kontext benötigten Serifen verzichten. Dadurch wäre das N sehr schwarz geworden. Zwar hätte die mittlere Diagonale wie beim M etwas höher gezogen werden können, jedoch wäre die Lesbarkeit dann deutlich erschwert. Somit ist das N zwar faktisch nicht der größte Buchstabe, aber der am schwierigsten zu verkleinernde. Zumindest innerhalb des gesetzten Gestaltungsrahmens. Wie schon beim I und J schaffte schließlich ein Rückgriff auf die Minuskelform Abhilfe.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_M

Die (Ausgleichs-) Serifen am M sind auf ein Mindestmaß von 5 mm / 300 Pt Überstand am Stamm verkleinert. Im Gegensatz zum W wurden die Diagonalen nicht aufgegeben, allerdings deutlich verkürzt. Sie entspringen im oberen Bereich aus einer Rundung und treffen als einzige Positivform unter den Buchstaben der Areal spitz aufeinander.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_W

Die Laufweite des W fällt deutlich höher aus, als beim M. Dies ist in der Schriftgestaltung nicht untypisch, hier allerdings durch den Wegfall der Diagonalen begründet. Das gewohnte Bild eines W verlangt (sofern es mit Diagonalen gezeichnet ist) nach stark ausgeprägten mittleren Diagonalen. Diese ließen sich wegen ihrer Größe jedoch nicht realisieren. Auch der ledigliche Verzicht auf äußere Diagonalen (analog zum M) brachte kein gewünschtes Ergebnis. Die jetzige Variante bedient sich jeweils zwei zusammengesetzer Viertelkreise und einer mittleren Senkrechten.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_n

Das n steht auf besonders großen Serifen, um die Laufweite zu reduzieren. Die Rundung im Bogen basiert auf einem Viertelkreis mit einem Innenradius von 10 mm / 300 Pt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Arch_Z

Durch die verringerte Strichstärke der Areal brauchte es eine Lösung, das Z zu vergrößern. Problematisch ist die wuchtige Diagonale. Bereits ein leicht zu weit laufendes Z rückt die Diagonale (auch bedingt durch den dann sehr flachen Winkel) zu sehr in den Fokus. Ein der Schreibschrift entlehnter mittlerer Querstrich ließ sich nicht harmonisch eingliedern. Die Rundungen am oberen und unteren Arm greifen nun auf das E, F und P zurück.


3. Kurzübersichten

3.1 Systematik der Umlaute

Die Herleitung der Umlaute war nach Fertigstellung der restlichen Buchstaben denkbar schlüssig. Jeder Buchstabe musste Merkmale verlieren oder reduzieren, um genug Fläche für die nötigen Punkte zur Verfügung zu stellen. Ziel war es, allen Punkten eine einheitliche Größe zu geben. Außerdem mussten die Punkte eine Mindestgröße besitzen, um sich im Schriftbild zu behaupten und in die Strichstärke der Buchstaben einzupassen.
Die Größe der Punkte wurde über die Buchstaben definiert, bei denen am meisten Material verschwinden musste (O, U). Beide Buchstaben besitzen Schlaufen, die lediglich entfallen, nicht aber reduziert werden konnten. Nachdem die Größe der Punkte anhand dieser Buchstaben abgewogen wurde, hatte sich das A gestalterisch unterzuordnen. Erfreulicherweise bot es durch seine großen Serifen genügend Spielraum, um Fläche zu einzusparen. So konnte nach Wegfall der oberen Serife die Laufweite erhalten werden.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Umlaut_A

Das Ä besitzt die gleiche Laufweite wie das A. Änderungen mussten an allen Serifen vorgenommen werden. Die obere Serife entfiel gänzlich, die unteren Serifen wurden deutlich gekürzt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Umlaut_O

Die Schlaufe vom O besitzt exakt dieselbe Fläche der zwei Umlautspunkte des Ö. An der Laufweite musste keine Änderung vorgenommen werden.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Umlaut_U

Beim Ü musste nach dem Wegfall der Schlaufe die Versalhöhe des linken Stammes wieder hergestellt werden. Es blieb schließlich nicht nur Platz, für eine weitere Serife, sondern auch die Laufweite musste um 1mm / 300 Pt erhöht werden.


3.2 Zahlen – starre Zeichen

Zahlen stellten die am schwierigsten anzupassende Gruppe von Zeichen dar. Das liegt keineswegs daran, dass diese nicht in die Bildung des Flächen-Mittelwertes einbezogen wurden (sie hätten nur eine Auswirkung von 0,2cm²/300Pt auf das Ergebnis gehabt). Vielmehr sind Zahlen nicht nur eine gestalterisch eigene Gruppe, sondern auch sprachlich eine andere Kategorie von Zeichen, als Buchstaben. Zahlen gelten allgemein als Zeichen für Ideen (Ideogramme). Dies hat auch zufolge, dass Zahlen anders gelesen werden können als Buchstaben. Während die alphabetische Schrift linear in Zeilen gelesen wird, lassen Zahlen das Auge kreisen. Es lässt sich nur vermuten, wie sich diese Unterschiede auf die Gestaltung der Zeichen auswirken. Die Annahme liegt allerdings nahe, dass unser Auge die alphabetische Schrift in der Wahrnehmungsreihenfolge höher einordnet, als Zahlen. Dies würde bedeuten, dass man ein Zeichen beim Sehen zunächst mit dem Alphabet gegenrechnet und erst an späterer Stelle als Ideogramm überprüft und ausmacht.
Eine weitere Begründung dafür, dass Zahlen weniger gestalterischen Spielraum bieten wäre, dass diese in sich geschlossene Bezeichnungen für Mengeneinheiten sind. Bereits eine alleinstehende Zahl steht für eine Idee (Menge), während ein Buchstabe erst im Kontext zum Wort wird. Buchstaben gehen ineinander über, Zahlen sind stets diskrete Einheiten. Genau dieser Zusammenhang macht es möglich, dass beim geübten Lesen nicht jeder einzelne Buchstabe eines Wortes erkannt werden muss. Vielmehr überfliegt man Wortinseln und ergänzt dabei im Kopf. Dadurch wird nicht nur plausibel, wieso Zahlen nicht wie in der alphabetischen Handschrift zusammengeschrieben werden können. Es erklärt auch die höhere visuelle Strapazierfähigkeit von Buchstaben. Bereits die für Zahlen untypischen, in diesem Fall aber unausweichlichen, Serifen sind eine Gradwanderung. Zu leicht können sie vollkommen deplatziert wirken.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Ziffer_0-1

0: Im Gegensatz zum O läuft die Null merklich weiter und ist durch den Strich in der Punze deutlich gekennzeichnet. Die Kreisbögen entsprechen denen des O (Innenradius 10 mm / 300 Pt).
1: Die 1 bekam an allen gestalterisch möglichen Stellen Elemente um ihre Fläche zu erhöhen. Sie fußt auf einer langen asymmetrischen Serife. Gestalterisch untypisch ist auch die linke Serife am Anstrich, sowie die Ausgleichsserife rechts.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Ziffer_2-3

2: Bei der 2 gab es keine keine größeren gestalterischen Probleme. Lediglich die vordere Ausgleichsserife ist nicht typisch. Eine klassischer Bogen ließ sich mit dem Konzept nicht vereinbaren.
3: Der obere Bogen entspricht hier dem der 2 (Innenradius 8,5 mm / 300 Pt). Die obere Ausgleichsserife ist etwas länger gezogen. Der Schwung der 2 wird im mittleren Arm aufgegriffen.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Ziffer_4-5

4: Ungewohntes Merkmal der 4 ist die obere Ausgleichsserife. Die untere Serife schließt fast mit dem mittleren Querstrich ab.
5: Der Bogen ist dem unteren Teil der 3 identisch, geht allerdings im Mittelteil in einen flacher abfallenden Strich über. Die leicht angedeutete Ausgleichsserife links oben ist der der 4 nachempfunden.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Ziffer_6-7

6: Die Viertelkreise der 6 haben einen größeren Innenradius (14 mm / 300 Pt) als die der 0 (10 mm / 300 Pt). Der rechte untere Bogen entspricht dem der 5.
7: Hier traten ähnliche Probleme wie bei der 1 auf. Die charakteristische Diagonale macht zum mittleren Teil einen Knick (Flächenzugewinn). Ein der Schreibschrift entlehnter Querstrich war zusätzlich nötig. Dieser ist für die optische Balance asymmetrisch.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Ziffer_8-9

8: Die Innenradien der Bögen betragen oben 8,5 mm / 300 Pt und unten 12 mm / 300 Pt. Die Laufweite fällt mit 54 mm / 300 Pt recht knapp aus.
9: Der Endstrich ist dem Querstrich exakt entgegengesetzt. Ähnlich dem Anstrich der 2 oder 3 mündet dieser in einer Ausgleichsserife.


3.3 Interpunktionszeichen

Selbstverständlich wurde das gestalterische Prinzip der Areal selbst bei den Interpunktionszeichen nicht aufgegeben. Dessen Anzahl ist allerdings auf ein Minimum reduziert, da sie bis auf das Ausrufe- und Fragezeichen, die geringsten gestalterischen Herausforderungen darstellen und ein längerer Text in der Areal nicht zu verarbeiten wäre. Die meisten Interpunktionszeichen sind lediglich linear vergrößert. Dennoch stellte sich auch bei den gewöhnlichen Satzzeichen die Frage der Form. So nahmen die Punkte bewusst eine runde Form an. Die Dimension, in der die Satzzeichen umgesetzt werden mussten, hätte eckige Punkte nicht zugelassen. Zu sehr hätten diese mit dem Gesamteindruck gebrochen. Die runden Formen wirken nicht nur milder, sondern fügen sich eher in die durch viele Kurven geprägte Anmutung ein. Ein weiterer Grund war, dass sie die großen Punkte der Buchstaben i und j formal unterstützen. Auch diese Buchstaben hätten keine eckigen Punkte vertragen, da sie dann komplett unlesbar wären. Im Zusammenhang mit einfachen Interpunktionszeichen wie dem Punkt, Doppelpunkt, Komma oder Strich ist es am ehesten möglich, ohne weitere Informationen zur Schrift, dessen Konzept zu erahnen. Dort, wo nämlich die Zeichen der Schrift die ungewohntesten Dimensionen annehmen, ist diese auch am auffälligsten.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Interpunktion_Punkte

Punkt: Der Punkt besitzt einen Durchmesser von 52 mm / 300 Pt Schriftgröße.
Doppelpunkt: Beide Punkte haben jeweils einen Durchmesser von 36,9 mm / 300 Pt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Interpunktion_Ausruf-Frage

Ausrufezeichen: Auf das Ausrufezeichen wurde eine auffällige Lösung angewandt. Der Strich besitzt eine Punze; seine Stärke nimmt nach oben hin zu. Grund hierfür ist, dass der Punkt genauso groß sein sollte wie im Fragezeichen.
Fragezeichen: Das Fragezeichen ist im Anstrich asymmetrisch gekrümmt (besteht dort aus zwei ungleichen Viertelkreisen). Der Durchmesser des Punktes beträgt wie im Ausrufezeichen 34 mm / 300 Pt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Interpunktion_Komma-Guillemet

Komma: Das Komma wurde aus Gründen der Prägnanz nicht aus dem Punkt abgeleitet. Durch seine beachtliche Länge befindet sich nur ein kleiner Teil unterhalb der Grundlinie.
Guillemets: Die Striche der Guillemets treffen in einem Winkel von 70° aufeinander. Ihre Strichstärke beträgt 15 mm / 300 Pt.

StudioPalissa_Protokoll_AZ02_Interpunktion_Minus-Gleich

Strich: Breite und Höhe betragen im Strich 69 und 31 mm / 300 Pt. Damit wurde die mögliche Laufweite fast ausgeschöpft. Das war nötig, da der Strich bei einer größeren Höhe zu einem Rechteck wird.
Gleichheitszeichen: Das Gleichheitzszeichen halbiert den Strich exakt. Entsprechend hat es Dimensionen von 69 mm / 300 Pt Länge und 15,5 mm / 300 Pt Strichstärke.


→ A = Z; Eine Schrift, eine Fläche in Projekte